„Ungewollt“- wie eine elterliche Beziehungswunde aus Kindheitstagen die Beziehung zu (erwachsenen) Kindern belasten kann

„Ungewollt“ sein oder auch sich „ungewollt“ fühlen muss, wenngleich oftmals ins Reich des Unbewussten und Tabuisierten verdammt, zu den existentiell bedeutsamen Gefühlen gezählt werden: sich von einem Einzelnen oder einer Gruppe nicht gewollt zu fühlen, wird meist schlimm erlebt; besonders schwer wiegt dieses Gefühl jedoch, wenn es im Zusammensein mit den eigenen Eltern auftritt, also im intimen Raum der sozialen Erfahrungen, im Raum der frühkindlichen Begegnung. Was passiert eigentlich, wenn aus ungewollten Kindern Eltern werden? Dieser Frage möchte ich in diesem Blogbeitrag nachgehen, in der Hoffnung, Ihnen einen Weg aus ihren elterlichen Verstrickungen anbieten. Denn: Bleibt diese Beziehungswunde, die teils wie ein Trauma angesehen werden muss, unentdeckt, so droht sie durch die Generationen als transgenerationale Belastung weitergegeben zu werden. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zeigt sich durch diese Wunde dann nachhaltig und oftmals schwer belastet. Gerade zu den Feiertagen wie etwa dem Weihnachtsfest, wenn alle Welt zumindest medial von familiärer Harmonie durchtränkt zu sein scheint, drohen diese Wunden im besonderen Maße aufzubrechen

 

Herr K., erfolgreicher Manager in mittlerem Lebensalter fühlt seit längeren eine große unbestimmte Wut, die er, wie er beschreibt, wie hinter einem Nebel erlebe und erfolgreich unterdrücke, aber er leide auch unter permanenten Magenproblemen – diese Selbstbeobachtungen bringt er miteinander in Verbindung. Ihm wird deutlich, dass dieses Gefühl und die Symptome inbesondere bei Kontakten zu seiner hochaltrigen Mutter aufträten – und das finde er von sich selbst „einen ungerechten Zug, da er die Mutter doch eigentlich lieben und ehren müsse“. In einer einfühlenden Identifikation, in der er sich sozusagen kurzzeitig in die Fußstapfen seiner Mutter begibt, bemerkt er, dass die Mutter eine recht sonderbare Logik habe. Sie verdrehe alles. Werde ihr von Herrn K. geholfen, sage die Mutter, sie wäre doch gerade wieder für ihn dagewesen.

In der einfühlenden Identifikation ( nach Barnowski-Geiser/Geiser Heinrichs: Meine schwierige Mutter) bemerkt er, die Mutter fühle sich in ihrer Herkunftsfamilie von Beginn ihres Lebens an ungewollt ( sie war wohl kein Wunschkind, erinnert Herr K. und störte die enge elterliche Beziehung der Großeltern durch ihr Entstehen). Diese Wunde, die die Mutter tief in sich trage, dürfe niemand bemerken. Die Mutter selbst tue so, als habe sie diese Wunde nicht, und bewältige diese, indem sie sich als „dauernd gewollt“ und „äußerst beliebt“ beschreibe. Die Mutter sitze beispielsweise wartend vor dem Telefon, ob jemand anrufe. Wenn sie dann abhebe, gäbe sie sich vielbeschäftigt und würde ihm vermitteln, dass er Glück habe, dass er sie überhaupt „erwische“. Das Verhalten der Mutter mache ihn zunehmend „kirre und wütend“. Wenn er ihr Zeit schenke, äußere sie, dass er es nun aber „wieder gut gehabt“ habe.  Herr K. fühlt sich in der Falle: spielt er die verkehrte Welt der Mutter weiter mit, bekomme er „Turbo-Aggressionen“ oder „ein Magengeschwür“, äußert er; wenn er sie konfrontiere, weine sie und er fühle sich ihr gegenüber gemein und schuldig.

Wenn frühe Beziehungswunden Regie führen, kann es lohnenswert sein, der inneren Logik des Elternteils nachzugehen. Oft tritt dann Überraschendes zutage. Herr K. fühlt sich durch seine Einsichten über die innere Logik seiner Mutter erleichtert, weil er entdeckt, “ dass meine Mutter das ja nicht macht, um mich fertig zu machen“. Ihr eigenes Empfinden, „ich störe“, gibt sie nun durch ihre Bewältigungsversuche der Verschleierung an ihren Sohn weiter. Bleiben die aus der elterlichen Wunde erwachsenen logischen Verstrickungen und die damit verbundenen Bewältigungsversuche ( Copings) unerkannt, zeigt sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, gerade auch im Erwachsenenalter, schwer belastet. Kinder, die ein Leben lang auf die Bedürftigkeit der Eltern eingegangen sind (s. Meine schwierige Mutter), fühlen sich zurecht im Erwachsenenalter  zu kurz gekommen und um den Dank für ihre Fürsorge an die Eltern betrogen. Da die betroffenen Eltern meist ihre Wunde verbergen, verbergen sie auch ihre Bedürftigkeit und interpretieren in der Folge ihre eigenen Vertuschungshandlungen als Hilfe geben statt nehmen um ( Herr K. hat es angeblich gut durch die Mutter, Herr K. wurde Zeit geschenkt) – verkehrte Welt…Oftmals zeigen scheinbar selbstlose Handlungen, denen eine große Bedürftigkeit oder auch ein Machtanspruch zugrunde liegt, gerade Frauen aus der Kriegs-und Nachkriegsgeneration, denen auch ein entsprechendes Frauenbild vermittelt wurde.

Sehen Kinder sich genötigt, über lange Zeit mitzuspielen, drohen körperliche Erkrankungen und/oder Beziehungsabbrüche.

Wenn auch Sie diese elterlichen Probleme aus Kindheitstagen kennen, kann es ratsam sein, einmal in die „Schuhe“ der Eltern zu treten, innere Logik zu ergründen – manchmal wird Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern dann, insbesondere, wenn die entdeckten Wunden besprechbar werden, anders und besser möglich. Herr K. fühlt sich klarer, „der Nebel hat sich gelichtet“:

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche…vielleicht mit neuen Einsichten,

herzliche Grüße

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

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