Wut: ein Gefühl unter Generalverdacht

Kinder belasteter Eltern leiden unter vielem. Ein großes und oftmals wenig beachtetes Leiden ist ihr Leiden am Gefühl: Gefühle werden in belasteten Familien, gerade da sie Betroffenen oftmals übergroß erscheinen, in die feindliche Ecke gestellt. Gefühle seien  tunlichst zu vermeiden, lautet dann die offen oder unausgesprochene, in jedem Fall allzeit angesagte Familienbotschaft. Wenn diejenigen Gefühle, die Eltern überhaupt zeigten, dann noch zu den vor allem negativ erlebten gehören, führt das bei ihren Kindern leicht dazu,  Gefühle generell misstrauisch zu beäugen; in der Folge werden Gefühle  oftmals abgespalten oder nicht gelebt. Zu den derart negativ besetzten Gefühl muss die Wut gezählt werdeb: sie gerät, so zeigt sich bei erwachsenen Kindern aus belasteten Familien, unter Generalverdacht.

Herr S. hatte einen cholerischen Vater, der in seiner rasenden Wut zu Gewalttätigkeiten neigte. Niemals, so hat Herr S. sich geschworen, will er werden wie sein Vater. In seinen Schilderungen wird deutlich, dass er sich jedoch nicht nur (und das ist ja auch gut und sinnvoll) die dem Vater zueigene Cholerik verbietet, sondern jedes ärgerliche Gefühl: jede wütende und aggressive Anmutung hat er sich untersagt. Das blieb nicht folgenlos. Herr S. fühlt sich seit langem wie in einem Korsett, leidet unter extremen Verspannungen: ein lebenserhaltendes Gefühl, Wut und Aggression, ist komplett blockiert, ist eingesperrt. Er fühle sich oft wie ein Tiger im Käfig, beschreibt Herr S..

Erwachsene Kinder belasteter Eltern stehen vor der schwierigen Aufgabe, ihre Gefühlswelt und deren Bewertung neu zu prüfen. Manchmal erfordert dies Rückmeldung von anderen Menschen: denn in ihrer Selbstzuschreibung werden diese erwachsenen Kinder sich meist wenig gerecht. Ärgerlich Werden ist in ihrer Selbstzuschreibung dem väterlichen Tobsuchtsanfall gleichgestellt. Oft sind sie permanent damit beschäftigt, bloß nicht wütend zu werden, keine Wut zu zeigen, gefolgt vom Ärger über das Fühlen. Wut droht so ungelebt zu bleiben, findet keinen Ausdruck, keinen neuen Weg: etwa sich aufregen dürfen, ohne andere zu verletzen, sich selbst in seinem Ärger zuzuhören statt maßzuregeln etc.

Vielleicht ist es auch für Sie an der Zeit, Ihren Umgang mit  Wut zu beobachten…vielleicht ist ja auch für Ihre Gefühle Freispruch  nach Jahren der Anklage angesagt?

Sonnige Momente im Regen wünscht

IHre

Waltraut Barnowski-Geiser

Bücher der Autorin zur Thematik  hier

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