„Unfassbar schuldig“- Wie erwachsene Kinder belasteter Eltern zu Therapeuten ihrer Eltern werden

 Zurück nach der Sommerpause hoffe ich, dass es Euch und Ihnen gut geht. Da ich während des Schreibens an unserem neuen Buch (das schreibe ich mit meiner Tochter gemeinsam und es wird wieder um Erwachsene Kinder und ihre Eltern gehen/ erscheint bei Klett-Cotta im Frühjahr 2017)  Interessantes gelesen habe, hier zunächst Bewegendes zum Themenfeld: aus dem neuen Roman der Autorin Sarah Kuttner, den mir eine Freundin ans Herz legte. Eindrücklich schildert Sarah Kuttner, wie sich die Situation der psychisch erkrankten Mutter in das Leben der Erzählerin webt: und es auch als Erwachsene noch bestimmt. Auch ihre Beziehung. Ihr Partner fragt irritiert: „Wo bist du die ganze Zeit?“…“Ich meine natürlich nicht körperlich, sondern, keine Ahnung, dein Geist, dein Herz. Du. Wo bist du die ganze Zeit?“ (Kuttner , S. 28)

In eine andere Welt zu flüchten, ist eine der (meist nicht bewussten) Rettungsstrategien erwachsener Kinder aus belasteten Familien, vor allem dann, wenn die kindlichen Belastungen zu groß sind und allzu lange andauern. Oftmals werden die Kinder mit diesen Belastungen tragischerweise komplett alleingelassen, beispielsweise wenn das andere Elternteil „flieht“:

Die Erzählerin in Sarah Kuttners Roman: „ Zuhause war ich der Mann in der Familie, eine Verantwortung, die ich zurecht tragen musste, war der echte Mann in der Familie ja durch meine Schuld nicht mehr da….ich fühlte mich immer unfassbar schuldig.“ ( S: 31)

Immer wieder unfassbar: wie Schuldgefühle aktiviert werden, wenn KInder eigentlich Überforderndes leisten. Es ist nie genug, so erscheint es. Allzu früh werden diese Kinder Helfer, Therapeuten ihrer Eltern

„…dann bin ich eben so ein Therapeut. Ich passe auf, wende Leid ab…Wenn meine Mutter in den Hochphasen ihrer Traurigkeit so viele Beruhigungstabletten nimmt, dass sie nicht wach genug ist, um auf die Toilette zu gehen. Dann wasche ich das Laken und hänge es auf dem Balkon zum Trocknen auf. Wenn die Nachbarn auf dem NebenBalkon die Laken beäugen und fragen, ob ich nicht ein bisschen zu alt sei, um noch einzupullern, sage ich leise: „Ja“, und schäme mich, als wäre es tatsächlich mein Urin auf den Streublumen.“ (Kuttner S. 32)

Stellvertretende Scham: der siamesische Zwilling der Schuld, bei erwachsenen Kinder belasteter Eltern im Lebensrucksack: ein schweres Marschgepäck. Beschämendes und Belastendes an Eltern Stelle in der Öffentlichkeit auf sich selbst zu schieben, ebenso. Ebenso typisch, dass die Leistung des Kindes nicht gesehen wird: im eigenen kindlichen Film und in der Erkrankung feststeckend, nehmen belastete Eltern dann ihre KInder und deren Tun, ihre Fürsorge, oftmasl bis zur Aufopferung und Entwürdigung, kaum zur Kenntnis.

„Jeder zaghafte Moment der erneuten Annäherung meinerseits wird mit purer, egoistischer Vereinnahmung quittiert. Monika ( name der Mutter, Anm. d. Verf.), die einfach nur irgendwen braucht, der zuhört, wenn das Leben sich anstellt. Der ihr offiziell bescheinigt, dass sie auch nur ein Mensch ist, dass sie immer nur gibt und für andere da ist, dass sich nie jemand um sie sorgt. Nun, ich habe mich meine ganze Kindheit um Monika gesorgt. Jetzt soll bitte jemand anderes übernehmen.“ (Kuttner, S. 40)

Dauerkrisen an der Tagesordnung; und wenn keine Krise da ist, wird eine erzeugt:

„Das Übliche: Monika  spielt Notfall und redet nur über Belangloses. Probleme, die keine sind, die aber behandelt werden sollen, als wären sie welche. Fertig. Sieben Anrufe in Abwesenheit für indisches Echthaar.“ ( Kuttner, S.41)

Wenn das Zusammenleben dann noch eine Dauerfrage von Leben und Tod ist, wenn Suizidalität der Eltern von Kindern getragen wird, wird es dramatisch:  die KInder fühlen sich neben ihrer Überforderung zusätzlich isoliert. Eine Dramatik, die ihnen das Kümmern und Aufpassen, das ständig um andere Kreisen,   das kontrollieren Müssen und verfügbar Sein,  tief in die Seele brennt. Ebenso das Gefühl, ohnmächtig, ausgeliefert und hilflos zu sein, ohne wirklich etwas bewirken zu können.

„…denn Monika ist nicht nur eine arme Wurst, sondern eine arme Wurst, die ihre sechsjährige Tochter fest an der Hand hielt, als sie vor ein Taxi warf, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, eine arme Wurst zu sein. Jemand, der auch die anderen halbgaren Selbstmordversuche nicht ohne Kinderpublikum über die Bühne bringen konnte.“ ( Kuttner, S. 40)

Lesenswert!

Wunderbare Sonnentage wünscht

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

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