Und auf welcher Gedankenautobahn sind Sie unterwegs?

In einem besonderen Maße beschreiben Erwachsene aus belasteten Familien ein gemeinsames Leiden: das Feststecken in immer wiederkehrenden, sich wiederholenden Gedankenketten. Diese Ketten haben sich offenbar seit Ihrer Kindheit, um im Bild zu bleiben, (wieder und wieder gefahren), zu regelrechten Hirnautobahnen ausgebildet.“Bin ich davon auch betroffen?“, fragen Sie sich vielleicht.Eindrucksvoll in diesem Zusammenhang ist oftmals die nachfolgende Übung, die Sie nun, wenn Sie 5-10 Minuten Zeit investieren mögen, am besten gleich durchführen.

Übung Gedankenkreisel

Setzen Sie sich an einen Ort, an dem Sie für diese Zeit ungestört sein können (wenn es diesen Ort noch nicht gibt, ist das sicher eines Ihrer lohnenswerten  Projekte für die nächste Zeit, diesen einzurichten). Legen Sie Telefon und Handy so weit weg, dass auch diese Sie nicht stören.

Stellen Sie mit einer Stoppuhr ein Alarmsignal ein, dass Sie nach 10 Minuten sicher in diese Welt zurückholt.

Nun setzen Sie sich so angenehm als möglich hin und beobachten zunächst Ihren Atem…nur wahrnehmen, wie Sie ein und ausatmen…nun gehen Sie mit Ihrer Achtsamkeit auf Ihre Gedanken. Lassen Sie Ihre Gedanken einfach kommen und beobachten Sie… Geben Sie jedem aufkommenden Gedanken ein Etikett. Stecken Sie jeden Gedanken in einen Karton mit einer Aufschrift…solche Kartons können sein: Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart   oder Druck, Sehnsucht oder Namen von Menschen. Nur wahrnehmen und sortieren…10 MInuten ca.

Fertig? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Malen Sie doch einmal Ihre Kartons auf in der passsenden Größe auf: große Kartons für viele Gedankenzu diesem Thema während dieser Übung , kleine für wenige).

Welcher Karton ist der größte?

Sind Sie überrascht von Ihrem Ergebnis,  ist das typisch für Sie und Ihre Gedanken?

Wiederholen Sie diese Übung in dieser Woche einige Male…sortieren Sie die Kartons jeweils neu.

Oftmals beschreiben Menschen mit Kindheitsbelastungen, dass ihr Denken vom Kreisen um eine Person ausgefüllt ist, d.h. sie fahren auf der Gehirnautobahn, die ich „der ersehnte Andere“ nennen möchte. Meist ist das gerade dann der Fall, wenn auch aktuelle Beziehungen sich schwierig gestalten. Wenn diese Probleme auf passende  Kindheitserfahrungen treffen,was  leider häufiger vorkommt, scheint das Fahren auf dieser mehrspurigen Autobahn vertraut und quälend zugleich.Betroffene erleben einen regelrechten „Selbstverlust im Anderen“  (Barnowski-Geiser 2009). Liebeskummer und Trauer um Verlust scheint nicht mehr aufzuhören.In diesem Zusammenhang sind die Untersuchungen von Fisher und Aron über Liebeskummer und den Vorgängen im Gehirn sehr eindrucksvoll- ich empfehle allen, die nicht verstehen, warum sie von einem Menschen nicht loskommen, in diesem Zusammenhang auch gern die spannende Arte-Doku Sleepless in New-York

Eine andere vielbefahrene Autobahn ist die Ängste und Sorgenspur, die von Menschen mit Kindheitsbelastungen manchmal dauernd befahren werden. Wie dieser Meachnismus entsteht, habe ich schon in anderen Beiträgen in diesem Blog beschrieben (Wenn gestern nicht einfach vorbei ist).

Heute möchte ich mit Ihnen schauen: wie wird man dieses Gedankenkreisen in endlosen Schleifen, insbesondere wenn man darunter stark leidet, wieder los?

Erste Hilfe für Gedankenkreiser,Hirn-Dauerautobahnfahrer und Falschfahrer

Den ersten Schritt haben Sie heute bereits erfolgreich getan: das Kreisen Wahrnehmen und es zunächst einmal so akzeptieren, wie es gerade ist: Schon allein dadurch, dass etwas wahr- und angenommen wird, kann Veränderung einsetzen.

Weitere Schritte:

  1. Aktive Geh-und Wendeübung: Versuchen Sie ab sofort, wenn Sie dieses endlose Kreisen bemerken, aufzustehen und diesen Gedankenkreis auch tatsächlich gehend zu Laufen: genau bis zu dem Punkt, an dem Sie sagen, ich möchte diese Gedanken nicht mehr. Stopp! Dann wechseln Sie die Lauf-Richtung und gehen in dieentgegen gesetzte Richtung. Ab diesem Punkt setzen Sie dem Gedankenkreisel etwas Neues, Angenehmes entgegen. Also statt Denken an den Menschen, mit dem es schwierig ist zum Beispiel: was kann ich Gutes für mich tun? Fallen Sie wieder in die Schleife zurück, wechseln Sie die Richtung und sofort…Machen Sie diese Übung genau solange und nur dann, wenn Sie sich entlastend für Sie anfühlt…
  2. Achtsamkeit für das Hier und jetzt schulen: Was umgibt Sie jetzt gerade, was tun sie jetzt, wie fühlen Sie sich augenblicklich? Seien Sie achtsam für Ihren Körper. Bleiben Sie mit Ihren Gedanken nur im Jetzt und bei sich. Regelmäßiges Üben bringt Sie näher zu sich selbst, was indirekt aus Abhängigkeiten von anderen Menschen und aus unguten Gefühlen lösen kann. Lesen Sie mehr zur Achtsamkeitsschulung in diesem Blog unter Besser leben?Warum ein Atemzug, der Mount Everest und ein ungewöhnliches Früchtchen ihre Helfer sein können
  3. Eine paradoxe Frage beantworten: Wofür ist dieses Kreisen gut? Diese Frage mag sonderbar klingen. Manchmal zeigt sich,dass die Gedankenschleifen einen Sinn im Leben des Betroffenen machen:  wenn das Kreisen um die betroffene Person das mangelnde eigene Leben ersetzt oder wenn tatsächlich immer noch Bedrohung vorhanden ist und diese Gedanken schützend einzustufen sind.
  4. Dem Gehirn Neues anbieten: Dinge tun und Entdecken, die Ihr Gehirn überraschen. Was haben Sie noch nie getan, welches Gebiet haben Sie noch nie „erlesen und erdacht“- probieren Sie dies in dieser Woche aus (übrigens laut Hirnforschung auch ein sehr gutes Mittel bei Liebeskummer…einfach eine neue Hirnspur daneben aufbauen).

Wenn Sie weitere gute Wege kennen oder neu finden beim Üben, lassen Sie dies die Leser gern in Kommentaren wissen.

Für jetzt wünsche ich Ihnen eine neue Woche, mit neuen Erfahrungen…passend zu Ihrem Frühling 2016?

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

Dr. Waltraut Barnowski-Geiser ist Therapeutin, Lehrende und Autorin. Vater, Mutter, Sucht (2015) und Hören, was niemand sieht (2009) sind ihre Bücher zur Thematik. In der Praxis KlangRaum in Erkelenz bietet sie Hilfe für Menschen mit Kindheitsbelastungen auf der Basis des von ihr entwickelten AWOKADO-7-Schritte-Programms

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