Belastete Familie…im Spiegel zwischen Abgrund und Nicht-Ort

 

In der Indianischen Weisheit ging man davon aus, dass Menschen ein wenig so werden, wie der Ort, der sie umgibt. Der Schriftsteller Franz Kafka, von dem unser Wochenimpuls stammt, kann als Meister des Abgründigen gelten. Zeit seines Lebens hat er bei seinen Eltern gelebt (und das war in der damaligen Zeit für unverheiratete Männer nicht unüblich): er hat offenbar in seiner Familie sowohl „am Abgrund“  gelitten (ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater wird aus seinen Tagebucheinträgen als gesichert angenommen) und sich zugleich an diesem Ort Familie in besonderem Maße selbst erfahren – einige seiner Werke dokumentieren die schwierige Beziehung zu seinem Vater. Kafka empfiehlt, trotz und im Angesicht seiner eigenen Schwierigkeiten, in den familiären Abgrund zu schauen.

Wenn Menschen in belasteten Familien aufwachsen, dann empfinden sie den Blick auf ihre Herkunftsfamilie ebenfalls oft abgründig. Es kostet sie großen Mut, in den familiären Abgrund der eigenen Kindheit zu schauen. Vor allem scheint dieser mutige Blick eine Frage des geeigneten Zeitpunktes zu sein. Und erst dieser Blick, der genau wahrnimmt, was denn diesen Abgrund ausmacht, ermöglicht oftmals, wirklich zu verstehen, wer sie selbst sind und wie sie zu dem geworden sind, was sie heute ausmacht.

Was heißt das für Betroffene? Nehmen wir zum Beispiel eine Suchtfamilie: Kinder süchtiger Eltern beschreiben diesen Abgrund genauer. Atmosphäre und Familiendynamik lassen diese Familien offenbar zu Orten mit besonderen Merkmalen werden. Jede Familie ist anders und individuell, und doch zeigt der Ort Suchtfamilie typische Ortskennzeichen, die vielen Familien gemeinsam sind (nach Barnowski-Geiser 2015: Vater, Mutter, Sucht 2015):

  • Nicht-Ort: es wird so stark tabuisiert, das es angeblich keine Probleme gibt

  • Extrem-Ort: alle bewegen sich an kaum zu bewältigenden Grenzen und Extremen. Typisch sind Gefühlsachterbahnen, von denen alle so tun als gäbe es sie nicht

  • Arena: die Familienmitglieder kämpfen um die Sucht und deren Aufgabe, sie kämpfen um ihre eigenen Identität und um den Erhalt der Familie

  • Brutstätte der Sehnsucht: der chronische Mangel im „Nest“ wird Motor für eine beinahe rauschhaft anmutende Suche nach Liebe und Zuwendung, nach gesehen, gehört und erkannt werden

  • Festung oder Burg: nichts darf von Innen nach Außen dringen und manchmal darf niemand hinein, niemand hinter die Burgmauern schauen.

Nehmen wir die indianische Weisheit ernst, so werden auch Menschen aus belasteten Familien etwas von dem familiären Ort annehmen, der sie umgab:

  • Burgbewohner werden demnach ein wenig (oder mehr) versteinern, unzugänglich und verschlossen sein. Oft werden sie als Erwachsene neuerlich Geheimnisträger
  • Arenabewohner wachsen heran zu unermüdlichen, vielleicht sehr tapferen Kämpfern,
  • am Nicht-Ort-Lebende neigen im Angesicht von Schwierigem zum Verleugnen, werden „auffällig unauffällig“ in einer „Hier ist doch gar nichts!-Mentalität“
  • Bewohner der Brutstätte der Sehnsucht werden ewig Suchende nach Liebe – eine Suche, die sie oftmals auch in eigene Süchte katapultiert.
  • Extrem-Ort Erwachsene wirken oft wie Grenzgänger: Wanderer zwischen extremen Beziehungen, extremen Stimmungen, Emotionen und Lebensformen

Neurowissenschaftliche Untersuchungen belegen diese alte indianische Weisheit: unsere kindlichen emotionalen Erfahrungen werden neuronal abgespeichert, sie können zu prägenden Bahnungen im Gehirn führen. Wenn wir also ein Verständnis für uns und unser So-Sein entwickeln wollen,wenn wir begreifen wollen, warum wir genau so, in unserer Art und Weise in der Welt sin,d kommen wir, so anstrengend es scheint, kaum am Abgrund Herkunftsfamilie vorbei. Wenn wir um diesen Abgrund wissen, kommen wir weiter: wir können ihn besteigen, erkunden, umgehen, ihn nutzen, überspringen, umtanzen, vielleicht sogar überfliegen. Und auch sehen, mit welchen uns hier ebenso zu eigen gewordenen Stärken wir ihn überstanden haben.

Vielleicht nutzen Sie das bevorstehende Wochenende zum „Klarblick“ auf Ihre Herkunftsfamilie: mit dem Abstand des heute Erwachsenen. Wenn der Abgrund sie sehr ängstigt, Sie zu verschlingen droht, ist mehr Sicherheitsabstand gefordert: noch! Der ideale Zeitpunkt wird sich Ihnen eröffnen, wenn Ihre Seele zum Klarblick bereit ist! Vertrauen Sie auf die Weisheit Ihrer Seele.

Eine gute Woche wünscht

Ihre

Waltraut Barnowski-Geiser

Dr. Waltraut Barnowski-Geiser ist Therapeutin, Lehrende und Autorin. Vater, Mutter, Sucht (2015) und Hören, was niemand sieht (2009) sind ihre Bücher zur Thematik. In der Praxis KlangRaum in Erkelenz bietet sie Hilfe für Menschen mit Kindheitsbelastungen auf der Basis des von ihr entwickelten AWOKADO-7-Schritte-Programms

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2 Kommentare zu „Belastete Familie…im Spiegel zwischen Abgrund und Nicht-Ort

  1. Ich weiß gar nicht wie ich es schreiben soll: Sie liegen einfach soooo richtig in Ihren Ausführungen und Blogbeiträgen. „Danke!“ sagt eine die gerade in den Abgrund blickt und vermutlich eine Arenakämpferin war und jetzt – nach einer ganz heftigen und langen Krise- wieder eine wird.

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    1. Liebe Effilotta, danke für Ihre wertschätzende Rückmeldung. Es freut mich, wenn meine Beiträge hilfreich für Sie sind. Ich wünsche Ihnen, Kraft beim „Blick und Kampf in der Arena“- Menschen an Ihre Seite, die Sie dabei unterstützen ( ich hoffe auch weiterhin, die Beiträge hier) und Pausen, in denen Sie ausruhen können. Meine guten Gedanken begleiten Sie! Herzlich Ihre Waltraut Barnowski-Geiser

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