Schutzengel oder Sündenbock?Wie Sie gestern wurden, was Sie heute sind und es morgen noch ändern können

Wer bin ich? Diese Frage beschäftigt viele Menschen. Antworten auf diese Frage lassen sich meist schwer finden ohne andere Menschen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das bedeutet auch, dass wir das, was wir sind, vor allem durch andere Menschen werden (Übung „Säulen deiner Identität“ hier)

Sie haben sich im letzten Blogbeitrag mit  33 Fragen rund um deine Welt auseinandergesetzt… Dann waren Sie auf einer spannenden inneren Reise und haben zu dieser Frage vielleicht mehr über sich erfahren. Vielleicht haben Sie nicht auf alle Fragen Antworten gewusst – manche Antworten brauchen eine lange Zeit der Reifung.  Zu den gestellten Fragen gibt es keine Test-Auflösung im klassischen Sinne: Ich möchte jedoch in den nächsten Blogeinträgen auf einzelne Fragen noch einmal genauer eingehen. Die Fragen 1-6 beschäftigten sich mit dem Selbst- und Fremdbild. Die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt ist für Erwachsene aus belasteten Familien besonders wichtig: das Bild, das wir von uns selbst haben, ist geprägt von den Rückmeldungen und Bildern der Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind. Was bedeutet das für Menschen mit Kindheitsbelastungen konkret?

Wenn Kinder etwa früh viel  für ihre Familie tun und dafür keine Anerkennung bekommen, das womöglich über Jahrzehnte, dann ist ihr Selbstbild von dieser Erfahrung nachhaltig geprägt. Sie leisten dann auch in anderen Zusammenhängen, auch später als Erwachsene noch, viel, oft mehr als sie können, und glauben jedoch selbst, eigentlich gar nichts Besonderes getan zu haben oder zumindest nicht genug- so wie es ihnen in ihrer Familie vermittelt wurde, haben sie es nun verinnerlicht; sie gehen so wenig wertschätzend und achtsam mit sich selbst um, wie sie es von Kindesbeinen an durch andere, zum Beispiel suchtkranke oder beziehungsbelastete Eltern, an sich erfahren haben. Es ist wichtig, diesem Aspekt Beachtung zu schenken. Das Erkennen ist ein entscheidender Schritt, damit Sie, diesem alten Rollen-Selbstbild nicht weiter folgend, sich nicht weiter ausbeuten oder sogar missbrauchen lassen. Dabei können insbesondere die Antworten zu den Fragen 1-6 unterstützen.

Einen vielleicht ungewöhnlich anmutenden Rollenaspekt möchte ich hier fokussieren: In belasteten Familien treffen wir oft auf besondere Menschen, manche könnte man durchaus als menschliche Schutzengel bezeichnen. Da finden wir Menschen, die als Kinder ihre Geschwister an Stelle der Eltern aufzogen, sie betreuten, versorgten – ohne Dank, im Gegenteil kritisiert und gestraft, wenn sie das, obwohl noch jung an Jahren, nicht perfekt wie ein Erwachsener machten. Kinder, die sich vor prügelnde Väter warfen, um Mütter zu schützen, sogar zum „Sündenbock“ wurden, um die Gewalt auf sich zu lenken, von den bedrohten anderen Familienmitgliedern weg. Kinder, die psychisch erkrankte Eltern souverän durch Krisen tragen, Partner ersetzen und doch von den erkrankten Eltern als unzureichend und nicht gut genug „bewertet“ werden. All diese Menschen wurden nicht zu Schutzengeln, Rettern und Helfern, weil sie so „co-abhängig“, „beziehungssüchtig“ oder „persönlichkeitsgestört“ sind, sondern aus einer tiefen familiären Not heraus.

Und diese menschlichen Schutzengel wissen wenig um ihre Verdienste, da die familiäre Scham ihr Tun sowie die damit verknüpften Ereignisse in Nebel hüllt, sie in die Sprachlosigkeit verbannt. Oftmals geraten derart betroffene Geschwister sogar in heftige Konflikte: anstatt gemeinsam das Geschehene zu betrauern oder sich die zustehende Wertschätzung zumindest als Erwachsene zu geben, geraten sie miteinander in Konflikte und Anklagen, die eigentlich mit den Eltern ausgetragen werden müssten. Ein tragischer Prozess.

Je klarer Betroffene ihre alte Rolle selbst erkennen, mit den Zuschreibungen der anderen abgleichen und verstehen, umso leichter lässt sich in neuen Systemen leben, ohne neuerlich in den biografischen Fallstricken zu verschleißen.

Mehr zu Co-Abhängigkeit aus neuer Angehörigen-Perspektive  können Sie hier und in Ich will mein Leben zurück bei Jens Flassbeck nachlesen. Rollenmodelle mit Selbsttest hier.

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Dr. Waltraut Barnowski-Geiser ist Therapeutin, Lehrende und Autorin. Vater, Mutter, Sucht (2015) und Hören, was niemand sieht (2009) sind ihre Bücher zur Thematik. In der Praxis KlangRaum in Erkelenz bietet sie Hilfe für Menschen mit Kindheitsbelastungen auf der Basis des von ihr entwickelten AWOKADO-7-Schritte-Programms.

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