Würde und Grenze

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„Bin ich zu empfindlich?“ „Bin ich hochsensibel?“, so und ähnlich lauten die Fragen von Betroffenen aus belasteten Familien. Wenn Sie es wagen, diese Fragen zu stellen, sind sie meist bereits viele Male entwürdigt worden. Dann haben sie oft über viele Jahre Dinge hingenommen, die das Maß des Zumutbaren lange überschritten haben. Wer in einer belasteten Familie groß geworden ist, hat jedoch nicht gelernt, was zumutbar ist und was nicht. Es fehlt ein Maßstab. Die eigene Würde ist dann manchmal so sehr mit Füßen getreten worden, dass ein Zugang  erschwert ist. Tiefste Verunsicherung und Selbstzweifel sind die Folge. Besonders schwierig ist der Umgang mit Würdeverletzungen, wenn diese im Nachhinein verleugnet werden. So beschreibt Frau B., Tochter einer Borderline erkrankten Mutter, wiederholt übelste Beschimpfungen, die die Tochter aus heiterem Himmel und ohne jeden Anlass mit schlimmsten Schimpfworten belegen, endend in Aussagen, dass sie das „Letzte“, für ihre Mutter gestorben sei. Erst wenn die Tochter bitterlich weint, gibt die Mutter in der Regel Ruhe. In der Folge erwartet sie Entschuldigungen und Liebesbeweise der Tochter. Eine Stunde später zeigt sich die Mutter dann plötzlich von ihrer nettesten Seite. Wenn Frau B. sie auf das Vorgefallene anspricht, ist der nächste Konflikt vorprogrammiert. Frau B. erträgt dieses Verhalten der Mutter seit Kindesbeinen, glaubt zunehmend, dieses verhalten schuld zu sein, es nicht beser zu verdienen. Sie schweigt, entschuldigt sich sogar wiederholt, ohne etwas getan zu haben. Wie sie sagt, um des lieben Frieden Willens. Sie muss von Kind an ihre eigene Würde übergehen, um die Beziehung zur Mutter aufrecht zu erhalten. Sie hat nichts entgegen zu setzen,  da sie sich der Mutter gegenüber chancenlos fühlt. Ähnliches beschreiben Kinder aus Suchtfamilien: der Vater torkelt auf dem Fest vor wichtigen Freunden, erzählt Intimes aus dem Leben seines Sohnes…Vater hat das am nächsten Tag vergessen. Der Sohn leidet unter den wiederholten Beschämungen, er schämt sich stellvertretend für den schamlosen Vater. Oftmals, wie es dem Sohn dann scheint, „grundlos“. Die Beschämungserfahrungen haben tiefe Spuren in seinem Selbsterleben hinterlassen,so dass er sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher ist. Die eigene Würde ist ihm fremd geworden.
Philosoph Peter Bieri: „Würde, könnte man sagen, ist das Recht, nicht beschämt zu werden…Würde kann man als das recht verstehen, nicht gedemütigt zu werden,“ Der Entwürdigung setzt er die Lebensform der Würde entgegen: „Unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen ist zerbrechlich und stets gefährdet- von außen wie von innen. Die Lebensform der Würde ist der Versuch, diese Gefährdung in Schach zu halten…Es kommt darauf an, sich von erlittenen Dingen nicht nur fortreißen zu lassen, sondern ihnen in einer bestimmten Haltung zu begegnen, die lautet: Ich nehme die Herausforderung an.“ (aus dem Klappentext zu Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, Carl Hanser Verlag) Kapitelüberschriften markieren Navigationspunkte für alle, die sich aus philosophischer Sicht auf die Suche nach ihrer Würde begeben wollen „Würde als Achtung vor Intimität; Würde als Selbstachtung; Würde als Sinn für das Wichtige“.

http://hanser-literaturverlage.de/buch/eine-art-zu-leben/978-3-446-24349-1/

Ich wünsche Ihnen den Mut, sich der Herausforderung des Lebens in Würde zu stellen- eine gute Woche wünscht

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